Prof.
Dr. Peter C. Dienel
(*
28. Oktober 1923 - † 13. Dezember 2006)
Planungszelle und
Bürgergutachten
- Mobilisierung
der Kompetenz von Laien -
Das
Verfahren Planungszelle/Bürgergutachten
stellt einen besonders wirksamen Ansatz zur Überwindung
der »klassischen« Probleme der Bürger(innen)-beteiligung
dar: geringe Resonanz, fehlende Informiertheit,
Oberflächlichkeit, soziale Selektivität, Dominanz
organisationsstarker Interessen, Engagement erst
bei Betroffenheit und vielfach zu spät, stark polarisierte
und kaum mehr überbrückbare Meinungsunterschiede.
Das Verfahren wurde von dem Wuppertaler Soziologieprofessor
Peter C. Dienel schon in den siebziger Jahren entwickelt
und hat in den letzten Jahren auch international
vielfältige Beachtung gefunden.
Die
Verfahrenselemente
Eine Planungszelle ist eine Gruppe von ca. 25 im
Zufallsverfahren ausgewählten Bürgerinnen und Bürgern,
die für ca. eine Woche von ihren arbeitsalltäglichen
Verpflichtungen freigestellt werden, um in Gruppen
Lösungsvorschläge für ein vorgegebenes Planungsproblem
zu erarbeiten. Die Ergebnisse ihrer Beratungen werden
in einem sog. Bürgergutachten zusammengefasst.
In der Regel tagen mehrere Planungszellen simultan
zum gleichen Thema.
Zentrale Merkmale der Methode sind somit:
a) die Zufallsauswahl der Teilnehmenden
b) die Freistellung und die Vergütung der Teilnahme
c) der Gruppenprozess
d) die Prozessbegleitung und Unterstützung durch
Fachleute
e) die vorgegebene Problemstellung und Programmstruktur
f) die Dokumentation der Ergebnisse.
a) Zufallsauswahl
Die Teilnehmenden werden im Zufallsverfahren ausgewählt.
Damit wird eine soziale Zusammensetzung der Teilnehmerinnen
und Teilnehmer angestrebt, die der Heterogenität
der Gesamtbevölkerung nahe kommt. Jede Person ab
18 (oder 16) Jahren, die im festgelegten Einzugsbereich
wohnt, hat die gleiche Chance, eingeladen zu werden.
Dies gilt auch für ausländische Mitbürgerinnen und
Mitbürger. Die Zufallsauswahl erfolgt durch Ziehung
einer Stichprobe aus der Einwohnermeldedatei.
b)
Freistellung und Vergütung
Die eingeladenen Bürgerinnen und Bürger werden während
der Dauer der Planungszelle von ihren arbeitsalltäglichen
Verpflichtungen freigestellt. Sie erhalten, sofern
kein Bildungsurlaub möglich ist, eine Aufwandsentschädigung
oder eine Erstattung für nachweisbaren Verdienstausfall.
Eltern von Kleinkindern und Personen mit Pflegeverantwortung
für andere Menschen werden durch die Ermöglichung
von Kinderbetreuung oder Vertretung entlastet. So
kann sonst nur sehr schwer abkömmlichen Personengruppen
eine reelle Mitwirkungschance eröffnet werden.
c) Gruppenprozess
Die in den Planungszellen entstehenden Aussagen
der Bürgerinnen und Bürger sind das Ergebnis von
Gruppenprozessen. Die Teilnehmenden sind der für
sie ungewohnten Situation nicht isoliert ausgesetzt.
Sie arbeiten in der Gruppe. Zur Erleichterung des
Gespräches und zur Vervielfältigung der Beratungsmöglichkeiten
teilt sich die Planungszelle immer wieder in Kleingruppen
auf. Deren Zusammensetzung wechselt ständig, um
die Effekte denkbarer Meinungsführerschaften gering
zu halten. Gerade für Personen, die es nicht gewohnt
sind, vor einem größeren Kreis von Menschen zu sprechen,
werden durch die Kleingruppen Hemmungen beseitigt.
d) Prozessbegleitung und Fachleute
Die Bürgergutachterinnen und Bürgergutachter werden
von einer sogenannten Prozessbegleitung und von
Fachleuten unterstützt. Die Prozessbegleitung umfasst
die Tagungsleitung und Moderation sowie die gesamte
Organisation vor und während des Ablaufes der Planungszelle.
Die Fachleute werden eingesetzt, um, wo immer notwendig,
für die Beurteilung des Themas wichtige Grundinformationen
zu geben. Weder Prozessbegleitung noch Fachleute
dürfen in Diskussionen der Kleingruppen und bei
den Bewertungsprozessen Einfluss nehmen.
e) Vorgegebene Problemstellung und Programmstruktur
Planungszellen arbeiten an einer vorgegebenen Aufgabenstellung.
Diese muss so dimensioniert sein, dass sie in der
verfügbaren Zeit bewältigt werden kann. Laufen mehrere
Planungszellen simultan bzw. zum gleichen Thema,
ist deren Programm identisch, sofern nicht von vorneherein
variable Programmelemente vorgesehen sind.
Die meiste Arbeitszeit ist der Information vorbehalten.
Dabei wird Wert darauf gelegt, dass die Informationen
für Laien verständlich sind und auch kontroverse
Standpunkte berücksichtigen. Als Informationskanäle
stehen mit didaktisch aufbereitetem Informationsmaterial,
audiovisuellen Hilfsmitteln, Ortsbesichtigungen
sowie der Anhörung von Experten unterschiedlicher
Auffassungen, von Betroffenengruppen, Verwaltungen,
Organisationen, Bürgerinitiativen usw. zahllose
Möglichkeiten offen. Daneben oder danach laufen
die Bewertungsprozesse ab, in denen die Teilnehmenden
zu den Sachverhalten Stellung nehmen, über die sie
sich zuvor sachkundig gemacht haben. Die Bewertungen
erfolgen teils als Einzel-, teils als Gruppenstellungnahmen.
f)
Dokumentation der Ergebnisse
Die Ergebnisse der Planungszellen werden in einem
Bürgergutachten zusammengefasst. Das Bürgergutachten
wird nach Abschluss des Projektes dem Auftraggeber
überreicht. Jeder Teilnehmer und jede Teilnehmerin
– Laien wie Fachleute – erhalten ein Exemplar des
Bürgergutachtens.
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Autor: Dr.
Adrian Reinert
Quelle:
www.buergergesellschaft.de