Planungszelle/Bürgergutachten
Auf
eine möglichst repräsentative Beteiligung
der gesamten Bevölkerung setzt das Modell PZ
"Planungszelle/Bürgergutachten", das von dem
Wuppertaler Soziologie-professor Peter C. Dienel
entwickelt wurde.
Eine
Planungszelle ist eine Gruppe von ca. 25 im Zufallsverfahren
ausgewählten Bürgerinnen und Bürgern,
die für ca. eine Woche von ihren arbeitsalltäglichen
Verpflichtungen freigestellt werden, um in Gruppen
Lösungsvorschläge für ein vorgegebenes
Planungsproblem zu erarbeiten. Die Ergebnisse ihrer
Beratungen werden in einem sog. Bürgergutachten
zusammengefasst und den politischen Entscheidungsinstanzen
als Beratungsunterlage zur Verfügung gestellt.
Um die Repräsentativität zu erhöhen,
arbeiten in der Regel immer mehrere Planungszellen
parallel zum gleichen Thema.
Bei
ihren Beratungen werden die im Zufallsverfahren
ausgewählten Bürgerinnen und Bürger
von einer kompetenten Prozessbegleitung (Moderation)
unterstützt. Die für die Beurteilung der
Fragestellung erforderlichen Informationen gewinnen
sie durch Anhörung und Befragung von Fachleuten
und Vertreter(inne)n der jeweils relevanten Interessengruppen.
Bei ihrer Auswahl wird darauf geachtet, dass möglichst
alle in der Sache kontroversen Meinungen vertreten
sind und dargestellt werden können. Bei den
Bewertungen der Bürgerinnen und Bürger
sind die Fachleute und Interessenvertreter nicht
zugegen.
Die
angemessene Dimensionierung und Konkretheit der
Aufgabenstellung gewährleisten eine hohe Kompetenz
und Informiertheit der Mitwirkenden. Um Meinungsführerschaften
zu reduzieren, wird die Planungszelle immer wieder
in wechselnde Kleingruppen (z.B. 5 Gruppen à
5 Personen) unterteilt.
Das
Verfahren ist in den letzten Jahren sowohl auf kommunaler
als auch auf überregionaler Ebene zu höchst
unterschiedlichen thematischen Fragestellungen erfolgreich
angewandt worden, so u.a. zur Verbesserung des öffentlichen
Personennahverkehrs in Hannover, zur Klärung
seit vielen Jahren ungelöster und umstrittener
Planungsfälle sowie in der Technikfolgenabschätzung,
und hat den politischen Entscheidungsinstanzen und
Auftraggebern jeweils wertvolle Empfehlungen und
Hinweise gegeben.
Durch
die Zufallsauswahl wird eine ungewöhnlich breit
gestreute Teilnehmerschaft erreicht. Frauen und
Männer sind entsprechend ihrem Bevölkerungsanteil
vertreten, ebenso die unterschiedlichen Altersgruppen.
Angehörigen schwer abkömmlicher Berufsgruppen
wird die Teilnahme durch berufliche Freistellung
erleichtert, für Personen mit Pflegeverantwortung
wird nach einer Vertretung gesucht. In Fällen,
in denen die Teilnahme z.B. wegen Behinderung für
die ausgewählte Person nicht möglich war,
wurde sie von einem Helfer oder einer Helferin unterstützt.
Bei sprachlichen Problemen ausländischer Teilnehmender
halfen »Dolmetscher«, bereits besser deutsch
sprechende Familienangehörige.
In
den bisherigen Anwendungsfällen wurden auch
Menschen erreicht, die vorher noch nie an einer
politischen Veranstaltung oder einem Seminar teilgenommen
hatten. Außerdem brachte es Menschen aus unterschiedlichen
gesellschaftlichen (Meinungs-)Gruppen ins Gespräch,
die sich sonst kaum begegnen würden, und führte
zu vielfältigen Prozessen sozialen Lernens.
Das
Verfahren ist prinzipiell auf allen Entscheidungsebenen
einsetzbar. Wegen der mit seiner Durchführung
verbundenen relativ hohen organisatorischen und
finanziellen Kosten wird der Einsatz von Planungszellen
gleichwohl auch in Zukunft eher auf größere
Projekte bzw. Entscheidungsfragen beschränkt
bleiben.
Quelle:
www.mitarbeit.de
Reinert,
Adrian: Mobilisierung der Kompetenz von Laien –
Die Methode Planungszelle/Bürgergutachten.
In: Apel, H./Dernbach, D./Ködelpeter, Th./Weinbrenner
P. (Hrsg.), Wege zur Zukunftsfähigkeit –
ein Methodenhandbuch, Stiftung MITARBEIT; Bonn 1998,
S. 115-126